suspension of disbelief

 

 

Ich glaube, der Sinn der Literatur liegt nicht darin,

daß Inhalte vermittelt werden, sondern darin,

daß das Erzählen aufrecht erhalten wird.

Weil die Menschen Geschichten brauchen, um überleben zu können.

Sie brauchen Modelle, mit denen sie sich ihr eigenes Leben erzählen können.

Nur das Leben, das Man sich selbst erzählen kann ist ein sinnvolles.

Peter Bichsel

 

 

„ ... in Fragen leben, nicht in Antworten ... “

 

Britta Lenks Arbeiten der Jahre 2005 und 2006 widersetzen sich traditionellen Zuordnungen wie Malerei und Zeichnung; die von ihr genutzten Materialien und Techniken sind auch innerhalb einer für innovative Neu- und Umnutzungen offenen Bildpraxis ungewöhnlich und ohne direkte Parallelen: Dies gilt sowohl für ihre Leuchtkästen, mittels derer sie Lichtbilder im Wortsinne schafft; sie kommen durch die Kombination von realem Licht und Montagen aus farbigen Folien, mitunter noch erweitert um mit dem Ölstift gezeichnete Partien zustande. Dies gilt auch für ihre Arbeiten auf Papier und Leinwand, deren ungewöhnlich materiell erscheinende Lineaturen aus Heißkleber bestehen, der in mehreren Arbeitsschritten in markante Zeichnungen, komplexe, meist einfarbige Gebilde transformiert wird. Eine dritte, erst seit dem Sommer 2006 entstehende Werkgruppe bilden die auf weißem Grund montierten, wie Bilder präsentierten Folienobjekte. Sie resultieren aus Schichtungen farbiger Kunststofffolien, die mit Heißluft bearbeitet werden, wodurch sie untrennbar miteinander verschmelzen und eine sowohl den Seh- als auch den Tastsinn gleichermaßen ansprechende Farbdinglichkeit entsteht.

 

Britta Lenks Zugang zum Bild kennzeichnet - dies wird bereits in dieser knappen Beschreibung deutlich - ein eigenwilliger, erfindungsreicher, auf Gattungskonventionen oder technische Üblichkeiten wenig Rücksichten nehmender Umgang mit kunstfernen Materialien und Verfahren. Ihre Annäherung an das Medium Bild hat sich auf Umwegen vollzogen und es sind möglicherweise diese Um- und Seitenwege, die die hier vorzustellenden Verfahren und Lösungen überhaupt möglich gemacht haben. Mehrjährige Erfahrungen mit neuen Formen des Theaters und die ganz anders geartete experimentelle Beschäftigung mit von Hand geschöpftem Papier haben Britta Lenk zwei Bereiche erschlossen, die für ihre gegenwärtige Arbeit am Bild wesentlich sein dürften: Zum einen die Gestaltung von - im weitesten Sinne – dramatisch-ereignishaft geprägten Raumbildern und Bildräumen, zum anderen die sensibilisierende Auseinandersetzung mit Oberflächen und ihren taktilen Qualitäten. Als Seiteneinsteigerin profitiert sie - wie einige andere Künstler der zeitgenössischen Malerei - aus der besonderen Freiheit eines individuellen, eines eigensinnigen Zugangs zu diesem Medium, was die Erfindung eigener Techniken und Verfahren mit einschließt. Ihren gegenwärtigen Tätigkeitsfeldern gemeinsam ist die Arbeit mit thermisch verformbaren Kunststoffen, wie überhaupt die im Werk sichtbar gehaltene Metamorphose, stillgestellte Momente des Übergangs von einem Zustand in einen anderen als übergreifendes und sich doch stets anders artikulierendes Charakteristikum genannt werden können.

 

Ihren Anfang hat diese Gestaltungsweise in der Verwendung von Heißkleber in seit dem Jahr 2000 entstandenen Bildern. Diese für die Anwendung in Industrie und Handwerk entwickelte Technik erlaubt es unter anderem, Farbe als plastischen Strang, als eine greifbare, ununterbrochene Linie mittels einer den in nur wenigen klaren Farbtönen zur Verfügung stehenden Heißkleber erwärmenden Pistole aufzutragen. In ihren zurückliegenden Arbeiten entstanden so mehrfarbige, plastische Ordnungsgefüge, ein vielschichtiges, dichtes, den Bildträger gleichmäßig und vollständig überziehendes Gewebe, das mitunter durch die Linien verschmelzende Heißluftattacken gestört wurde. Für ihre gegenwärtigen Papier- und Leinwandarbeiten hat die Künstlerin diese Verfahrensweise weiterentwickelt. Sie „zeichnet“ die Linien nicht mehr direkt auf den Träger, stattdessen wird zunächst ein mehr oder weniger regelmäßiges Gewebe oder Fadengespinst auf ein den Heißkleber nicht annehmendes Material aufgetragen, anschließend abgelöst und erst dann auf Papier oder Leinwand arrangiert, d.h. gefaltet oder gewickelt, verzogen oder gestreckt, gelegentlich mit einem zweiten, andersfarbigen Stück kombiniert, dabei stets zentral im Format plaziert, ohne die Ränder des Blattes zu berühren und schließlich mittels Hitze mit dem Träger verschmolzen, in seine endgültige Form gebracht. Dieses indirekte, transformierende Verfahren, bei dem eine zeichnerische Anfangsstruktur quasi plastisch gehandhabt und schließlich wieder in die Zweidimensionalität zurück geführt wird, mündet in bewegte, stets auch Räumliches suggerierende Gebilde, die in ihrer silhouettenhaften Erscheinung mitunter Dinghaftes anklingen lassen ohne daß sich eine gegenständliche Zuschreibung konkretisieren ließe. Kennzeichnend für diese sich mit jeweils anderer, eigener Dynamik entfaltenden, entwickelnden Formationen ist der Aspekt der Bewegung. Oft wie schwebend oder gleitend, kreisend und, so scheint es, nur für den Augenblick stabil, verwandlungsfähig und mit metamorphotischen Energien aufgeladen, dabei leicht und transparent entwickeln diese körperlosen Körper ein überaus komplexes, zwischen Verdichtung und Auflösung, zwischen freier, sich selbst organisierender Bewegung und ordnender Struktur angesiedeltes visuelles Spiel.

 

Besonders vielfältig und experimentierfreudig hat Britta Lenk innerhalb relativ kurzer Zeit die Werkgruppe der Leuchtkästen entwickelt. An die Stelle eines klassischen Bildträgers wie Leinwand oder einer Konstruktion aus Holz tritt ein Leuchtkasten wie er ursprünglich für Werbezwecke entwickelt wurde. Im Inneren eines Metallgehäuses befinden sich eine oder mehrere Leuchtstoffröhren, die die Bildfläche von hinten beleuchten. Farbträger im eigentlichen Sinne ist eine Milchglasscheibe auf die selbstklebende, farbige Kunststofffolien aufgebracht werden. Die für fast alle Arbeiten dieser Werkgruppe charakteristische Oberfläche mit ihren Blasen und Perforationen, zugleich Verlebendigung und Verletzung, Lichtöffnungen und Einblicken, entsteht aus der nicht vollständig zu kontrollierenden Bearbeitung mit Heißluft, die die Folie in unterschiedlicher Weise aufplatzen lässt. Durch das Übereinanderlegen verschiedener Folien ergeben sich dunklere Mischfarben, durch das Aufplatzen der oberen Folienschichten werden darunterliegende als farbige Einsprengsel sichtbar. Neben und mit der großflächigen Überlagerung verschiedener Folien, die an Verfahren klassischer Lasurmalerei denken lässt, nutzt die Künstlerin vor allem die Möglichkeiten der Collage, d.h. sie schneidet einzelne Formen aus und arrangiert diese über- und nebeneinander. Das bislang entwickelte Spektrum der Gestaltungsweisen reicht von konstruktiv anmutenden vielschichtigen Konstruktionen, über flächige, vor allem die Möglichkeiten der Materialtextur betonende Arbeiten bis hin zu organischen, mitunter nahezu biomorphen Formungen, sowie der spannungsvollen Durchdringung freier und geometrisch-strenger Formen. Wird die Folie vor allem als flächige Farbe eingesetzt, so gibt es daneben eine kleinere Gruppe von Leuchtkästen, die von kreisenden, mäandernden Lineaturen geprägt sind. Diese in die meist einfarbige Bildfläche hinlaufende und sie auch wieder verlassende, wie suchende lineare Spur ist mit dem Ölstift, einem dem Wachsmalstift ähnlichem Malmaterial ausgeführt. Den Leuchtkästen gemeinsam ist, dass sie in jeweils unterschiedlicher Weise Vorstellungen von Bewegungen, des Gleitens und Schwimmens aufrufen, sie evozieren Vorbeiziehen oder Auseinanderdriften, zumindest den Anschein des Pendelns oder Schwingens. Und selbst die zunächst statisch wirkenden, von zahllosen Farblichtern durchbrochenen dunklen Flächen schienen sich bei längerer Betrachtung zu verwandeln, indem mehr und mehr lichte Stellen auftauchen, dem Auge immer noch weitere Mikrodetails sichtbar werden. Diese motorischen Anmutungen korrespondieren mit dem Eindruck beweglicher, bewegter räumlicher Gliederung oder Staffelung, die nicht in einem eindeutigen, festgefügten Zueinander aufgehen, sondern sich vielmehr in immer wieder anderen Konstellationen von Nähe und Ferne zeigen und so den Eindruck des Instabilen und Transitorischen, zumindest des Beweglichen bekräftigen.

 

Resultiert die außerordentlich reizvolle und lebendige Textur der Leuchtkastenbilder aus einem aggressiven Vorgehen, der gezielten Zerstörung der zuvor makellosen Oberfläche der Farbfolien, so verdanken sich die vergleichsweise kleinformatigen Folienobjekte der konsequenten und produktiven Fortsetzung solchen Handelns. Für diese Arbeiten verwendet Britta Lenk die gleichen Folien, die sie auch für ihre Leuchtkästen nutzt. Durch vielfaches Falten oder mehrfaches Übereinanderlegen, – stets sichtbar an Kanten und Überständen – ergeben sich kompakte, keineswegs körperlose Objekte, deren endgültige Gestalt durch die besonders intensive Bearbeitung mit Heißluft hervorgebracht wird. Sie verschmilzt die Schichten und erzeugt eine große stoffliche Dichte und opake Dunkelheit, die sich bei genauerem Hinsehen als stets aus Bunttönen aufgebaute farbige Dunkelheit erweist, in dem wie eingelagert, manchmal wie noch glühend, farbige Reste, kostbare anmutende Partikel aufscheinen. Da und dort öffnet sich die Oberfläche, ist sie durchlässig, ist transparent gebliebene, noch flüssig wirkende Farbmaterie. Anders als in diesen ersten, hier dokumentierten, von tiefen Dunkelheiten dominierten Folienobjekten zeichnen sich jüngst entstandene durch prägnante, leuchtend farbige Zonen aus. Ihnen allen gemeinsam ist der Eindruck von etwas durch Hitze Verformtem, Angegriffenem, sich schmelzend Verwandelndem. Ihre wie verzogenen, bewegten, manchmal wie abgerissenen Außenkonturen und die schrundige, sich immer wieder anders werfende, aufbrechende und zusammenziehende Haut, all das amalgamiert sich in diesen Farb- und Materialstücken zu zwischen Versehrung und Verwandlung oszillierenden Bildern.

 

Jede der drei hier vorgestellten Werkformen ist über das bislang Gesagte hinaus durch eine grundlegende, sich jeweils anders artikulierende Spannung charakterisiert: Sie entspringt aus der Differenz und der Interaktion zwischen der mitunter handgreiflich präsenten Materialität der Arbeiten und der besonderen Funktion, die die Immaterie Licht für jede der drei Werkformen hat. Besonders augenfällig ist dies bei den Leuchtkästen. Vielleicht stärker noch als Malereien auf üblichen Bildträgern sind sie Objekte, technische Behälter, aber die in ihnen verborgenen Lichtquellen lassen das von hinten beleuchtete Bild als farbiges Licht in den Raum hinein expandieren, tragen es als Licht- und Farbbild in den Betrachterraum hinein. Nicht zuletzt erzeugt die Allianz von (Kunst)Licht und transparenten Farbfolien eine außerordentliche Brillanz der Farben, ein strahlkräftiges Kolorit - selbst tiefe Dunkelheiten sind von realem Licht hinterfangen - , das an Buntglasfenster und Glasmalerein denken lässt.

 

In den Papier- und Leinwandarbeiten erscheint das Weiß des Papiers als ein diskreter, lichter Grund vor dem sich das bewegte, bewegliche Spiel der sich stets deutlich abhebenden dunklen Linien ereignet, das sich zu einem plastischen, mithin räumlich anmutenden Gemenge aus breiten und fadenfeinen, dichten und weniger dichten Linien entwickelt und das Weiß des Papiers und der Leinwand zum hellen, lichthaltigen in seinen Dimensionen nicht weiter bestimmbaren Spielraum dieser Entfaltung werden lässt. Als Licht abstrahlender, reflektierender Grund fungiert das Weiß des Trägers auch für die Folienobjekte und bringt besonders transparente Randbereiche und lichtdurchlässige Partien zum Leuchten. Wesentlicher aber noch ist das Raumlicht, das, abhängig von Intensität, Temperatur und Einfallwinkel, besonders als sich veränderndes Tageslicht, immer wieder andere Reflexe auf der überaus reich strukturierten Oberfläche der Objekte erzeugt, diese überhaupt als schrundig schöne, aus zahllosen, kaum überschaubaren Mikrodetails bestehende, mitunter eine extreme Nahsicht verlangende Gebilde zeigt.

 

„Suspension of disbelief“, diese Formulierung des englischen Romantikers Samuel Taylor Coleridge wählte Britta Lenk als Titel der vorliegenden Publikation. Die - in freilich uneleganter Übersetzung - „Aussetzung des Unglaubens“ meint eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Leser und literarischem Werk, die darin besteht, die vom Text entworfene Fiktion zumindest während der Lektüre - auch gegen alle Wahrscheinlichkeit oder Vernunft – zu akzeptieren. In Hinblick auf die Arbeit Britta Lenks, übertragen also auf Werke der Bildenden Kunst, kann dieser Dispens verstanden werden als ein Zutrauen des Betrachters, daß in jeder dieser Arbeiten über ihre materielle Faktizität hinaus Inhalte, Bedeutungen aufgehoben sind. Dieser Vertrauensvorschuß eröffnet die gelingende Begegnung mit dem Bild, öffnet den Blick. Mit diesem neugierigen Betrachten beginnen die Fragen an das Bild, nicht im wörtlichen Sinne, wohl aber als ein Beteiligt-Sein, ein Anteilnehmen. Dabei sind die Fragen wichtiger als die Antworten (das Bild zeigt, gibt zu sehen, antwortet dem Blick auf seine Weise - ohne daß dieser Austausch zu einem Abschluß kommt, kommen muss), da die Blick-Fragen den Sehprozeß in Gang halten und damit dem Transitorischen, der Kontinuität des Wandels der Arbeit Britta Lenks entsprechen; Der Schriftsteller Peter Bichsel umreißt diese Haltung lapidar – zugleich ein spätes Echo auf Coleridge, und dessen ästhetische Feststellung in eine ethische Haltung erweiternd „ .. in Fragen leben, nicht in Antworten ...“.

 

Jens Peter Koerver