percorso minimo

 

 

Heiße Spuren – Material und Technik

 

Nach der intensiven Auseinandersetzung mit experimentellen Formen, in denen sich Theater und bildende Kunst vermischten, und der Arbeit mit handgeschöpften Papieren entdeckte Britta Lenk – ohne sie systematisch gesucht zu haben – die Heißklebepistole als ihr bevorzugtes Ausdrucksmittel. Transparente oder farbige Sticks des Rohmaterials werden in die Pistole geschoben, auf 200 Grad erhitzt und auf den Bildträger aus Leinwand oder Papier aufgebracht. Nicht alle Farben stehen zur Verfügung. So werden z.B. Gelbtöne auf transparenten Kleber mit Hilfe eines Öl- oder Aquarellstiftes aufgetragen. Die Nachbearbeitung erfolgt dann mit bloßen Fingern.

 

Die Spuren der Heißklebepistole schimmern im Licht. Sie lassen die Werke lebendig und frisch erscheinen, wie vor kurzer Zeit vollendet. Die Linien haben bemerkenswerte Plastizität, so dass sich, je nach Dichte der Lagen, eine reliefhafte Wirkung ergibt. Die Arbeit mit dem Heißkleber erfordert ein diszipliniertes und kalkulierendes Vorgehen. Spontane, zeichnerische Gesten sind kaum möglich. Die Pistole wird von einem Rand der Leinwand zum anderen geführt, wobei sich der Farbstrang um die Spannkanten legt. Von vorne wirken die Arbeiten bildhaft geschlossen, während an den Seiten die Farbmaterie locker ausläuft. Trotzdem legt die Technik der künstlerischen Phantasie keine zu engen Fesseln an: „Die Linien werden mir nicht langweilig, es gibt 1000 Variationsmöglichkeiten“ (Britta Lenk). Sogar eine defekte Klebepistole, die zwischen den Linien tropfenartige Verdickungen ausstößt, wird zum Ausgangspunkt neuer Bildlösungen, die mit dem reparierten Arbeitsgerät nicht mehr erreichbar sind.

 

 

Geschichtete Linien – sabotierte Ordnungen

 

Auf Abbildungen wirken Britta Lenks Arbeiten flächenhaft und hochgradig systematisch. Daher überrascht bei der Begegnung mit den Originalen die außerordentliche Tiefenwirkung der Objekte. Besonders bei den großflächigen Werken von verhaltener Farbigkeit wechselt die Bildwirkung mit dem Betrachterstandpunkt. Was zuvor minimalistisch berechnet schien, verschwimmt und gerät in Bewegung. Zwei Werke, etwa eine großformatige rotgrundige Arbeit und ein kleines Format in Blau, vermögen einen ganzen Raum förmlich unter Spannung zu setzen. Man kann diese Arbeiten als raumbildend charakterisieren. Mit jedem neuen Arrangement lassen sie unsere Umgebung verändert erscheinen. Die aus parallelen Lagen in unterschiedlichen Farben – etwa Braun und Gelb – aufgebauten Flächen vermitteln den Eindruck einer unendlichen Fließbewegung, in der sich die modellierten und kolorierten Linien suchen, sich vereinigen, um sich später wieder eigene Wege zu suchen.

 

Während man diese ruhigen Werke im Sinne des französischen Sprachgebrauchs als „dekorative Kunst“ – also als die Lebenswelt künstlerisch prägende und daher keineswegs triviale Gebrauchskunst – bezeichnen kann, wohnt den „versehrten“ Bildern eine eigene, in der Bildfläche selbst wirksame Spannung und Dramatik inne. Den Blick irritiert die Störung des ruhigen Weges der einst heißen Stränge: Aus den erkalteten Schichten löst die Künstlerin mit den Händen einzelne Farbstränge ab, die bogen- oder wellenförmig aus der linearen Ordnung ausbrechen. Auch diese Dramatisierung sabotiert nicht wirklich das lineare Konzept, sondern erinnert an die Ordnung einer Partiturseite, in der sich ruhiger musikalischer Fluss und heftige, dichte Tonfolgen parallel nebeneinander bewegen.

 

Eine weitere Methode der kalkulierenden Störung ist die Verformung der Linie durch thermische Modellierung mit Hilfe eines Heißluftföhns, der die parallel verlaufenden Linien oder Gitterstrukturen im Extremfall zu einer opaken Fläche zusammenschmelzen läßt, in der sich die farbigen Linien wie kostbare Einlegearbeiten oder polierte Marmorflächen ausnehmen.

 

Die Entstehung dieser im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtigen Werke kann sich über Wochen und Monate hinziehen. Manchmal rückt die Künstlerin ein Werk bewußt aus dem Blick, um oft erst viel später, nach nochmaliger Konfrontation, darüber zu entscheiden, ob es vollendet ist oder ob sie daran weiterarbeiten muß.

 

 

Liniengerüste

 

Zu den jüngsten Leinwandarbeiten zählen Serien von gerüsthaften Überlagerungen verschiedener Farben. Die Beschränkung auf wenige Linien und Schichten verleiht den Werken eine stark graphische, an erste Ideenskizzen eines Architekten erinnernde Wirkung. Die fast zeichnerische Freiheit der Linie unterscheidet diese Arbeiten von den reliefhaften vielfarbigen Werken. Auch hier ist die spontane Wirkung Ergebnis kalkulierten künstlerischen Vorgehens: Während der Arbeit werden alle Teile der Leinwand, die in einem Arbeitsgang unberührt bleiben sollen, abgedeckt, so daß die Pistole mit präziser Spontaneität eingesetzt werden kann. Die scheinbar minimalistischen Kompositionen entfalten, wenngleich auf ganz andere Art als die dichter bedeckten Leinwände, eine stark räumliche Wirkung. In Serien betrachtet und gehängt, können sie als lebendige Improvisationen über das Thema der Entstehung von Volumen und Tiefe quasi aus dem Nichts erfahren werden. Dabei bleibt die leere Leinwand als Nullpunkt des künstlerischen Suchens stets präsent, von dem unendlich viele gestalthafte Formen ihren Ausgang nehmen können. Der schöpferische Vorgang erscheint als ein permanentes Finden, das Willi Baumeister als wichtigste Leistung des von vorgegebenen Themen und Formen unabhängigen Künstlers definiert hat: „Selbst wenn der Künstler, bewegt von einem unfassbaren Urwillen, in hohem Bewusstsein seiner Handlung seine Sache sagt, meißelt oder malt, läßt er sich überraschen von dem, was unter seinen Händen entsteht. Im Vertrauen auf seine einfache Existenz hat er die Intensität, die die Konsequenz verbürgt und ihn den kompromißlosen Weg führt. Dadurch, daß er keinem greifbaren Vorbild nachstrebt, daß er auch zugleich an die Präexistenz seiner Werke glaubt, gelingt das Originale, das Einmalige, der künstlerische Wert“. (Das Unbekannte in der Kunst, Köln 1988, S. 138-139)

 

 

Tanzende Linien – neueste Arbeiten auf Papier

 

Mit den freien, nicht mehr durchweg gitterartig diszipliniert aufgebrachten Linien ihrer Papierarbeiten erweitert Britta Lenk die Idee der gerichteten Linie um die Wirkung einer tänzerischen Bewegtheit. Die in den Leinwänden durch nachträgliche Bearbeitung mit Händen und Föhn erreichte Dynamisierung der Linien wird hier durch eine Abwandlung der Heißklebetechnik ermöglicht: Die Pistole wird ohne Distanz direkt auf das Papier aufgesetzt. So entstehen breite Linien, die allerdings in alle Richtungen beweglich sind. Die Künstlerin reizt nie die gesamte Fläche aus, sondern läßt die Enden der Linien innerhalb eines weißen Randes auslaufen, wodurch der gestische und spontane Effekt der Arbeiten verstärkt wird: Anfang und Ende jeder Bewegung sind gleichzeitig in der Fläche gegenwärtig. Die Linie entfaltet sich frei im Raum, ohne die Beziehung zur Fläche des Bildträgers und zur Ausrichtung der übrigen Linienstruktur aufzugeben. Wie bei den Leinwänden ergibt sich mit zunehmender Verdichtung des Lineaments eine immer stärkere Suggestion von Tiefenhaltigkeit. Diese räumliche Wirkung wird durch die unterschiedliche Tiefenqualität der verwendeten Farben zusätzlich verstärkt – so wirkt Blau als eine besonders raumformulierende Farbmaterie. Die Leichtigkeit des Materials und die freie Bewegung der vielfarbigen Linien geben diesen Werken eine tänzerische Heiterkeit, die sich in ihrer harmoniestiftenden Wirkung unmittelbar auf den Betrachter überträgt.

 

Christofer Conrad